Scheinangriff auf die Diemel-Talsperre

 

Bei einem Scheinangriff auf die Diemel-Talsperre im Mai 1943 kollidierten zwei Bomber der Alliierten in der Luft und stürzten ab. Die Besatzungen kamen ums Leben.

 

Von: Hans-Joachim Adler und Dietmar Mühlhans 

 

Diemelsee
Dem Scheinangriff auf die Diemel-Talsperre im Mai 1943 gingen schwere Angriffe auf die Eder-Talsperre und auf die Möhne-Talsperre voraus. Am 16.Mai 1943 bombardierten speziell umgebaute Lancaster-Bomber, auch als "Dam Buster" bekannt, der 617. Squadron unter der Führung von Wing Commander Guy Penrose Gibson, die Möhne- und die Eder-Talsperre. Mit einer Sonderkonstruktion von Barnes Wallis, einer sogenannten Rollbombe, war es den Alliierten gelungen,die Sperrmauern zu zerstören. Wassermassen stürzten aus den vollen Seen. Rund 1600 Menschen ertranken in den Fluten, unzählige wurden obdachlos und verloren Hab und Gut.
 

Sperrmauer-Edersee
Die gebrochene Staumauer des Edersee nach dem Angriff vom 17. Mai 1943

 

Fangnetze

Die Bevölkerung um den Diemelsee war alarmiert. Dieser war ebenfalls randvoll und es bestand jederzeit die Gefahr, daß sich das Schicksal hier wiederholen könnte. Gegen die Rollbomben und Torpedos hatte die damalige Führung Fangnetze unter Wasser gespannt. Dies genügte jedoch nicht, wie der Angriff auf die Eder-Talsperre gezeigt hatte. Deshalb wurden beim Diemelsee, auch über Wasser Fangnetze gespannt. Zusätzlich war die Vierlingsflak durch weitere Geschütze verstärkt worden. Die Bedienmannschaften dieser Flakgeschütze bestanden im Mai 1943 aus litauischen Soldaten. Einmal hatte man die Deutschen überraschen können. Das sollte sich nicht wiederholen. Talsperren in der Größe von Möhne und Eder gab es nicht viele, deshalb war man nun besser vorbereitet. Auf deutscher Seite rechnete man jederzeit mit einem neuen Angriff.

Diese Angriffe, zum Teil nur zum Schein, dienten dazu, beim Gegner Sicherungskräfte zu binden. Wenige Tage nach dem verherenden Angriff auf die Eder-Talsperre bekamen die 139. und 105. Squadron am 27. Mai 1943 den Auftrag, die Zeiss-Werke in Jena zu bombardieren. An diesem Angriff waren auch die beiden Mosquitos DZ 381 und DZ 602 der 139.Squadron beteiligt. Jede der beiden Maschinen war mit vier 227 Kilogramm schweren Bomben bestückt. Die zwei Piloten waren Flying Officer Frederick Openshaw, 26 Jahre alt, und Flt.Lieutenant Harold Ranson Sutton, 27 Jahre alt. Als Navigator flogen mit: Pilot Offz. John Ernest Morris und Sergeant Alfred Newman Stonestreet. Die beiden Maschinen müssen den Auftrag erhalten haben, einen Abstecher zur Diemel-Talsperre zu fliegen, um hier einige Fotos zu machen und einen Scheinangriff vorzutäuschen. Der RAF schien das Umfeld um die Talsperre besonders wichtig zu sein. Wie oft die beiden Mosquitos die Diemel-Talsperre anflogen, konnte nicht mehr ermittelt werden, aber ein Zeitzeuge zählte damals 12 Mosquitos, die über Rhenegge hinweg geflogen waren.

 

De Havilland Mosquito
Eine De Havilland Mosquito B.Mk.IV der RAF. Zwei Maschinen dieses Typs stießen am 27. Mai 1943 über dem Diemelsee zusammen und stürzten ab.

 

Dicht über dem Wasser
Die zwei Flugzeuge von Frederick Openshaw und Harold Ranson Sutton flogen dicht über dem Wasser und mußten an der Sperrmauer fast senkrecht in die Höhe ziehen, um den Bergkamm zwischen Diemelsee und Rhenegge zu überwinden. Hierbei muß es zur Berührung der beiden Maschinen gekommen sein. Der Air Crew Missing Report sagt aus, daß ein Flakbeschuß der Auslöser der Kollision gewesen sein soll. Seltsamerweise schlugen beide Flugzeuge fast an derselben Stelle auf. Zuerst glaubte die Bevölkerung an den Absturz eines viermotorigen Bombers.
Stefan Meskauskas, der zum damaligen Zeitpunkt als Sechzehnjähriger auf dem Hof der Familie Pohlmann arbeitete, sah sich an dern Tag die Absturzstelle an. Da auch er vier Triebwerke zählte, prägte sich der Absturz bei ihm als der eines viermotorigen Bombers ein. Groß war die Überraschung, als er erfuhr, daß damals zwei Flugzeuge vor ihm lagen. Durch die Explosion einer der an Bord befindlichen Bomben wurde beim Aufschlag eine der Mosquitos zerrissen.

 

Mosquito-Bomber bei Einsatzvorbereitungen
Auf einem englischen Flugplatz werden Mosquito-Bomber für ihren nächsten Einsatz mit Bomben beladen.

 

Stillschweigen
Der Grundstücksbesitzer Christian Pohlmann berichtet, daß sich sein Vater gerade auf dem Weg zu seiner Wiese befand, als sich der Absturz gegen 19 Uhr ereignete. Zum damaligen Zeitpunkt galt dieses Ereignis als Sensation. Jedoch fand es in der Presse keinerlei Erwähnung.
Bald nach dem Absturz sperrten Sicherungskräfte der staatlichen Stellen die Absturzstelle weiträumig ab. Zivilpersonen war der Zutritt strengstens verboten. Vor der Absperrung jedoch hatten einige Dorfbewohner schon Flugzeugteile mit nach Hause genommen. Herr Pohlmann erinnert sich, sechs aufgefundene Bomben in einen nahegelegenen Steinbruch transportiert zu haben, wo sie später von Fachpersonal gesprengt wurden. Die übrigen Flugzeugreste wurden von der Wehrmacht sehr schnell abtransportiert.
Die umgekommenen Besatzungsmitglieder wurden auf dem Friedhof von Rhenegge beigesetzt. Sie ruhten nicht lange dort. Schon 1946 fand eine Exhumierung statt, und man überführte die toten Flieger auf den Ehrenfriedhof der RAF nach Hannover.
Noch einmal drei Monate nach dem Absturz sorgte ein unmittelbares Ereignis für Aufregung in Rhenegge, nämlich als im August des gleichen Jahres zufällig eine Bombe beim Binden des Getreides gefunden wurde. Auch diese wurde von einem Sonderkommando im nahen Steinbruch gesprengt.
 

Mosquito B.Mk. IV
Eine der seltenen Farbaufnahmen einer D.H. Mosquito B.Mk. IV.

 

Schnellster Jäger
Nach nahezu 73 Jahren ist von den beiden Mosquitos B.Mk. IV  fast nichts mehr zu finden. Die ganz aus Balsa-Holz gebauten Flugzeuge vom Typ Mosquito galten im Jahr 1943 als die schnellsten der Alliierten. Kein deutscher Jäger war in der Lage, zum damaligen Zeitpunkt diese Maschinen abzufangen. Dies war der Hauptgrund, warum dieser Bomber bei den Besatzungen so beliebt war. Auf 200 Flüge kam nur ein Verlust während des Krieges. Das war zu anderen Bombern ein Verhältnis von eins zu zehn. Viermotorige Kriegsflugzeuge überstanden selten mehr als 20 Flüge. Über 7000 Mosquitos wurden gebaut. Von den beiden in Rhenegge abgestürzten weiß man,, daß sie aus dem Werk in Hatfield stammten.

 

Englische Mosquito-Besatzungen beim briefing
Englische Mosquito-Besatzungen bei einer Einsatzbesprechung.

 

"Aus" nach dem Krieg
Das "Aus" für die hölzernen Wunder (wooden wonder) kam nach dem Krieg bei der RAF sehr schnell. Man stellte fest, daß sich bei hoher Luftfeuchte der verwendete Leim löste und es deshalb zu Abstürzen kam und gekommen war. In wärmeren Gegenden flogen die Mosquitos aber noch bis Ende der fünfziger Jahre. Heute gibt es nur noch zwei flugfähige Exemplare; eines in England und das andere in den USA. Zu aufwendig und teuer ist die Instandhaltung der alten Rolls-Royce Merlin Motoren. So ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch diese beiden Exemplare ins Museum wandern.

 

 

D. H. Mosquito im Modell 

 

 

 Bilder zu Modellen der D.H. Mosquito folgen noch. 

  

 

 

945602