Operation „Chastise“

Zerstörung der Edersee-Sperrmauer am 17. Mai 1943

Von: Hans-Joachim Adler und Dietmar Mühlhans 

 

Sieben Jahrzehnte sind ins Land gegangen, aber die Gedanken an die Schreckensszenarien dieser Nacht sind nicht vergessen.

 

1942 machten sich bei den Alliierten die militärischen Führer nur wenige Gedanken darüber, wie man die Talsperren in Deutschland mit einem Schlag zerstören könne. Gewiss, ein großer Teil des Stroms wurde von diesen Talsperren produziert, aber Bomben vom Kaliber Tallboy (5.000 kg) oder gar der Grand Slam (10.000 kg) standen noch nicht zur Verfügung. Eine Flächenbombardierung hatte wenig Aussicht auf Erfolg, da hier nur die unterhalb der Sperrmauern liegenden Kraftanlagen zerstört würden.

 

Barnes Wallis
Sir Barnes Wallis

 

Barnes Wallis, Chefkonstrukteur bei Vickers, hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon einen Namen mit der Vickers Wellington geschaffen. Dieser in "geodätischer" Bauweise erstellte zweimotorige Bomber war die erste leistungsfähige Waffe der Royal Air Force und sollte vom ersten bis zum letzten Kriegstag im Einsatz stehen. Auf ein Gerippe aus Stahl hatte man eine Stoffbespannung aufgezogen, das sparte Rohstoffe, und besonders beschußsicher war der Bomber auch noch.

An einem Sommertag im Jahr 1942 saß Wallis an einem Flusslauf, wo er seinen Kindern beim spielen zusah, diese warfen flache Kieselsteine übers Wasser, wobei sie über die Wasseroberfläche hüpften. Jeder hat das wohl mal als Kind ausprobiert, an einen militärischen Nutzen denkt man dabei wohl nicht.
Barnes Wallis aber kam bei diesem Spiel ein zündender Gedanke: "Konnte man nicht eine Bombe konstruieren, die übers Wasser sprang, somit die Torpedosperren überwand, um an der Mauer zu versinken?" Er trug seine Idee beim Oberkommando der RAF vor, wo dem Gedanken keine Abneigung entgegen gebracht wurde.

  

Rollbombe

 

Die Zeichnungen oben und unten verdeutlichen das Funktionsprinzip der Rollbombe.

 

Funktionsprinzip der Rollbombe

 

Alles befand sich nun im Anfangsstadium. Nun ging es erstmal darum, eine Bombe zu bauen, die den Anforderungen entsprach.

Anfangs ging die Planungsgruppe von einer kugelförmigen Bombe aus, die in den späteren Kriegsjahren auch eingesetzt wurde, aber für Talsperren schien sie ungeeignet.

Schnell hatte Wallis herausgefunden, dass eine runde Bombe nicht die gerade Richtung halten konnte, dies gelang erst mit einer zylindrischen Ausführung.

 

Highball Rollbombe
Das Bild zeigt eine Anfangs entwickelte kugelförmige Rollbombe, welche jedoch nicht bei den Angriffen auf die Stauseen zum Einsatz kam.

 

Nachbau der Rollbombe
Die von Barnes Wallis entwickelte und zur Zerstörung der Talsperren eingesetzte Rollbombe. Es handelt sich hier um einen Nachbau, welcher im Sperrmauer-Museum Edersee zu sehen ist.

 

Um zunächst die optimale Anflughöhe zufinden, bedurfte es sehr vieler Flüge. Ständig zerlegte die Bombe auf der Wasseroberfläche und erst bei etwa 30 m Anflughöhe zerschellte sie nicht mehr. Um einen exakten Treffer zu erzielen war eine Abwurfhöhe von 18 Metern über dem Wasserspiegel nötig.

Nach Wallis Berechnungen musste die Rotationsbombe im Endstadium 4 Tonnen wiegen, dafür kam dann als Bombenträger nur die neue viermotorige Avro Lancaster in Frage. Zum Entsetzen der militärischen Führer passte die Bombe aber nicht in den Bombenschacht. Eine spezielle Aufhängung unter dem Rumpf konnte die Bombe aber aufnehmen. Hierfür mussten einige Lancasterbomber speziell umgebaut werden.

 

Umgebauter Lancaster Bomber
Das Bild zeigt einen der 19, speziell für die Operation "Chastise", umgebauten Lancaster Bomber.

 

Neben der neuen Bombenhalterung, in welcher die Rollbombe, mittels eines Antriebes, direkt vor dem Abwurf auf 500 Rückwärtsumdrehungen pro Minute gebracht werde musste, gehörten zwei Scheinwerfer im Rumpf zu den Umbaumaßnahmen. Diese waren so eingestellt, dass ihre Lichtkegel sich bei exakt 18m Flughöhe trafen und einen Lichtpunkt auf der Wasseroberfläche bildeten. Dieses erleichterte dem Bombenschützen das ermitteln der korrekten Abwurfhöhe. 

Der Zwillings-MG-Turm im Bug und der Vierlings-MG-Turm im Heck der Flugzeuge blieb als Hauptabwehrbewaffnung erhalten.

 

Eine Lancaster beim Abwurf der Rollbombe.
Eine Lancaster beim Abwurf der Rollbombe. Das Bild entstand bei einem Trainingsflug.

 

Bombenaufhängung von Vorn
Das Bild zeigt die Bombenhalterung der Rollbombe an einem Lancasterbomber von Vorn.

 

Bombenaufhängung von schräg Hinten
Das Bild zeigt die Bombenhalterung an einem Lancasterbomber von schräg Hinten aufgenommen (beachte den Rotationsantrieb für die Rollbombe, mit welchem die Waffe vor dem Abwurf in Drehung versetzt wurde). Es handelt sich hier um die Maschine des Wingcommander Guy Penrose Gibson.

 

Bei der Suche nach einer geeigneten Einheit war man im Bombercommand schnell fündig geworden. Für diese Aufgabe kam nur einer in Frage: Wingcommander Guy Penrose Gibson.

Er galt als besonders draufgängerisch, war hoch dekoriert, was aber besonders wichtig war, seine Männer von der 617 Squadron gingen für ihn sprichwörtlich durchs Feuer! Sie hatten den Ruf, die Besten zu sein. Es gab praktisch keinen Auftrag, den sie nicht ausführten.

 

Guy Penrose Gibson
Guy Penrose Gibson bei Flugvorbereitungen.

 

Mit der Zerstörung der Talsperren im Bereich des Ruhrgebiets wollte man die Rüstungsschmieden wie Krupp in Essen mit einem Schlag von der Stromzufuhr abschneiden. Die englische Regierung versprach sich davon ein rascheres Kriegsende, aber erst einmal musste die Waffe geschärft werden, was bedeutete, die Bomberbesatzungen mussten sich an einem etwa gleichwertigen Übungsziel mit den Gegebenheiten vertraut machen. Einen See, der in etwa den Gegebenheiten in Deutschlang entsprach, gab es in Schottland. Hier übten nun 19 Bomberbesatzungen für den Tag X.
Noch wusste von den Besatzungen niemand, was denn nun ihr tatsächliches Angriffsziel sein würde. Erst am Abend des 16.Mai wurden die Besatzungen davon in Kenntnis gesetzt.

 

Edertalsperre
Ein Bild der Edersperrmauer vor dem Angriff. Dieses Foto gehörte in England zu den Planungsunterlagen der Operation „Chastise“.

 

19 speziell umgebaute Maschinen vom Typ Lancaster III starteten von Scampton aus gegen die deutschen Talsperren Möhne, Sorpe und Eder.

Dem Unternehmen hatte man den Codenamen Chastise (züchtigen) gegeben. Von den gestarteten Maschinen sollten acht England nicht wieder erreichen. 53 Besatzungsmitglieder der 617 Squadron starben in der Nacht der Operation „Chastise“. Besonders an der Möhnetalsperre machte leichte FLak den Bombern schwer zu schaffen.

Die Flakeinheiten an der Edertalsperre waren fast gänzlich abgezogen worden, für sie hatte sich ein neues Aufgabenfeld um Kassel herum ergeben. Beim Suchen nach der im fahlen Mondlicht liegenden Talsperre wäre den Besatzungen um Haaresbreite beinahe ein Fehler unterlaufen. Sie hatten sich zu weit nach Westen orientiert, so dass zuerst einmal die Brücke bei Herzhausen angeflogen wurde.

 

Mannschaftsbunker Edersee
Betonierter Gruppenunterstand am Ufer des Edersee.

 

Mannschaftsbunker Edersee
Blick auf die Gasschleuse des Bunkers.

 

Wie Heinz Becker aus Viermünden, der damals als 12jähriger mit seinen Eltern in Herzhausen wohnte, zu berichten wusste, flogen die Maschinen so tief, dass am Forsthaus im Ort die beiden hölzernen Pferdeköpfe am Giebel des Hauses abbrachen.

Für Gibson stand aber schnell fest, dies konnte nicht die Sperrmauer sein, also flogen die Bomber im Tiefflug den See entlang zum anderen Ende. Drei Bomber griffen nun die Staumauer des Edersee an. Zwei weitere Lancaster, wovon eines die Maschine des Wingcommanders Gibson war, begleiteten die Formation als Beobachter und zur Höhendeckung.

Nach mehreren Anflügen verfehlte die erste Rollbombe ihr Ziel und explodierte jenseits der Mauer. Die zweite Bombe zerschellte auf der Mauerkrone, sie wurde über 50 Jahre später bei Baggerarbeiten unterhalb der Mauer gefunden. Der dritte und letzte zur Verfügung stehende Sprengkörper traf sein Ziel und führte zum Bruch der Mauer.

Nachdem sich die von der Explosion aufgewirbelte Gischt und der Staub gelegt hatte, klaffte in der Mauer ein Loch von 70m Breite und 22m Höhe. 8500 Kubikmeter Wasser stürtzten pro Sekunde in das Edertal. Insgesamt liefen 160 Millionen Kubikmeter Wasser aus dem See, der 202 Millionen Kubikmeter gespeichert hatte.

  

Edertalsperre vor dem Angriff
Ein Blick auf die Edertalsperre vor deren Zerstörung.

 

Edertalsperre nach dem Angriff
Die Edertalsperre nachdem sie geborsten war.

 

In den Ortschaften unterhalb der Talsperre gab es keinen Evakuierungsplan, was dazu führte, dass für viele die Flutwelle unvorbereitet kam, obwohl die Motoren der Bomber lange vorher zu hören waren.

47 tote Menschen, ungezählte Mengen an Vieh, sowie Gebäudeschäden die in die Millionen gingen, waren die Bilanz in dieser Nacht im Edertal.

In der gleichen Nacht starben beim Bruch der Möhnetalsperre rund 1400 Menschen. Zumeist Zwangsarbeiter aus einem Lager im Möhnetal. 

 

Luftbild Edersee vor dem Angriff
13. Mai 1943 machte ein englisches Aufklärungsflugzeug dieses Luftbild der Edertalsperre. Links im Bild ist die Staumauer mit den Kraftwerksgebäuden sehr gut zu sehen.

 

Nur einen Tag nach dem Angriff machte ein englischer Aufklärer die folgenden Bilder der Mauer und des Edertals.

 

Luftbild Edersee nach dem Angriff
Luftaufnahme der Edersperrmauer am Tag nach der Bombardierung.

 

Luftbild Edertal nach dem Angriff
Luftaufnahme des Edertals am Tag nach der Bombardierung der Staumauer.

 

Von dem Bericht eines angeblich beim Anflug zerstörten Flugzeuges mußte man sich später distanzieren. Dieser zunächst vermisste Bomber wurde mitte der 1950er Jahre bei Emmerich am Niederrhein gefunden.

Auch in Kassel sorgte die Flutwelle für große Überschwemmungen in der Stadt. 

 

Die Fluwelle hat Kassel erreicht
Das Luftbild zeigt die Überschwemmungen der Stadt Kassel, welche als Folge der Zerstörung der Edertalsperre eintraten.

 

Wingcommander Gibson wurde für dieses Unternehmen mit dem Viktoriakreuz ausgezeichnet.

Er sollte den Krieg aber nicht überleben. Einen so hoch dekorierten Offizier ließ die Royal Air Force danach keine Kampfeinsätze mehr fliegen, er sollte sein Wissen an neue Besatzungen weitergeben. Im September 1944 konnte Gibson Luftmarschall Harris noch einmal überreden, an einem Angriff in einer Mosquito teilzunehmen. Mit 220 Lancaster Bombern ging es gegen Mönchengladbach. Bei diesem Einsatz starb er und sein Navigator, als sie über Holland abgeschossen wurden.

 

King George
Der englische König besuchte die Männer der 617 Squadron nach der Operation und gratulierte ihnen zum erfolgreichen Einsatz.

 

Von den 133 "Dam Busters" überlebten nur 48 den Krieg, aber immer wieder zog es sie später zu den Orten des damaligen Geschehens an Eder, Möhne und Sorpe. Heute, nach fast 70 Jahren sind fast alle verstorben. Doch kann man davon ausgehen, jeden von ihnen hat das Ereignis der Nacht vom 16. auf den 17.Mai 1943 noch lange und immer wieder beschäftigt.

Der Wiederaufbau der Sperren dauerte fast ein Jahr. Schon damals zog es Interessierte zur Edertalsperre, um aus Gebüschen einen Blick zu riskieren oder gar ein Foto zu schießen.

 

Wiederaufbau der Edertalsperre
Die Mauer während des Wiederaufbaus.

 

Edertalsperre Heute
Die Edertalsperre. Bis heute ist die Stelle in der Mauer zu erkennen, wo damals das Loch klaffte. Heute ist der See und die Staumauer ein beliebtes Ausflugs- und Urlaubsziel.

 

Eine im Bereich Waldeck/Netze am 20./21. März 1945 abgestürzte Lancaster wurde im Kreis später fälschlicherweise dem Unternehemen "Chastise" zugeordnet.

Hierzu jedoch mehr in einem anderen Bericht.

 

"Was geschah ist eine Warnung, es kann jederzeit wieder geschehen.

Nur im Wissen darum, kann es verhindert werden!"

Karl Jasper 1945

 

 

Lancster B. Mk.III "Dambusters Raid"   

 

 

 

 

Modellbilder einer Lancaster der 617. Squadron werden folgen. 

 

 

 

 

 

 

 

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