Komplettierungsstelle für die Wunderwaffe

Die "V2"- Komplettierungsstelle "Carmen" bei Hatzfeld

 

Von: Hans-Joachim Adler und Dietmar Mühlhans   

 

Hatzfeld Frühjahr 1945: Allliierte Truppen drangen immer tiefer ins "Großdeutsche Reich" ein, das Ende des Zweiten Weltkriegs nahte. Doch die Nationalsozialisten wetterten bar jeder Realität, mit den "Wunderwaffen" werde sich das Kriegsglück schon noch wenden. Dazu zählten sie die V2 - Raketen. In die Logistik für die Abschüsse war auch das Frankenberger Land eingebunden.


Schmittmodell der V2
Schnittdarstellung einer V2 Rakete mit Schießtisch.


Die letzten Kriegswochen des Jahres 1945 waren geprägt von Hektik, Improvisation und Angst ums Überleben. An allen Fronten wich die deutsche Wehrmacht zurück, ihr fehlte es an Material und Soldaten. Die Alliierten hatten inzwischen die völlige Lufthoheit errungen. Immer wieder griffen Flugzeuge im Tiefflug an. Auch an Hatzfeld waren die Kriegsgeschehnisse nicht ohne Schäden vorbeigegangen. Außerhalb der Stadt, in Richtung Beddelhausen, hatten Heereseinheiten ein Materiallager für die "V2" errichtet, was der allerhöchsten Geheimhaltungsstufe unterlag. Allen Lagern dieser Form hatte die Wehrmachtsführung Tarnnamen gegeben, für Hatzfeld war "Carmen" ausgegeben worden. 40 Soldaten der Wehrmacht versahen dort ihren Dienst, gut abgesichert durch Bäume und Tarnnetze. Auch ein Flakgeschütz war zur Sicherung in Stellung gebracht worden, es sollte Tiefflieger bekämpfen, die es auf diese Einrichtung abgesehen hatten.


Luftwaffenhelfer an einer 2cm Flack 38
Flakhelfer bei der Bedienung einer 2cm Flack 38 in einer mit Holz befestigten Erdstellung. Vermutlich handelte es sich um ein solches Flakgeschütz, welches auch zum Schutz der Komplettierungsstelle in Stellung gebracht worden war.


Lager für den Nachschub
Direkt am Bahndamm hatten Arbeiter einen schwenkbaren Kran aufgebaut, mit dem Material von Eisenbahnwaggons verladen werden konnte. Die Nazipropaganda hatte den Einsatz der "V2"- Raketen schon seit einiger Zeit in Presse und Film bejubelt - nun hatten sie ihren Weg auch nach Hatzfeld gefunden. Zuletzt wurden "V2" aus dem Westerwald verschossen.
Sprengköpfe in Behältern lagerten unter hohen Tannen, wo sie auf ihre Verwendung warteten, aber auch Graphit-Strahlruder gehörten zu den Lagerbeständen.
Schon vor Jahren war einem Angehörigen der Arbeitsgemeinschaft Luftkrieg Ederbergland ein schwarzes Teil aufgefallen, was kaum vom dortigen Gestein zu unterscheiden war, nur Rillen auf dem gesteinsähnlichen Brocken ließen auf etwas Künstliches schließen. Bei der späteren Untersuchung stellte sich heraus, dass es sich um ein Teil eines Strahlruders handelte.


V2 Bodenstück mit Strahlrudern
Blick auf das Bodenstück einer V2-Rakete mit den Strahlrudern.


Mit Genehmigung der Forstbehörde starteten Mitglieder eine Suche, die mehr Klarheit über das Komplettierungslager bringen sollte. Acht Mitarbeiter beteiligten sich an der Untersuchung, die für zwei Tage angesetzt war, wobei mit drei Gruppen vorgegangen wurde. Mit dabei war wieder der Diplom-Kaufmann Mario Isack aus Hellenhahn im Westerwald, der schon im Burgwald nach Resten von dort gesprengten Fahrzeugen der Division "zur Vergeltung" gesucht hatte.
Schon vorher war die zu untersuchende Fläche genau vermessen worden. Auf mindestens einem halben Quadratkilometer musste nach Resten gesucht werden. Schnell tauchten die ersten Reststücke von Strahlrudern auf, was die Suche eingrenzte.


Strahlruderreste
Reste der bei Hatzfeld gefundenen Strahlruder.


Außerdem wurde der Sockel des Verladekrans gefunden, dabei stach besonders die genaue Anordnung der abgeschnittenen Stützen ins Auge. Genau 80 mal 80 Zentimeter waren die Eisen ins Fundament eingegossen, kaum begreifbar unter den damaligen chaotischen Kriegsumständen. Der Sockel war gegossen worden, als noch Frost herrschte, was die Arbeiten nicht gerade erleichterte. Der später abgebaute Kran habe in Hatzfeld nach dem Kriege noch wertvolle Dienste geleistet, wie ein Zeitzeuge berichtet.
Nun warf sich wieder die Frage auf: Warum waren die Strahlruder zerschlagen worden? Eine Möglichkeit: aus Geheimhaltungsgründen, da sich auf jedem Objekt ein Typenhinweis befand, der hier fehlte. Oder hatten die amerikanischen Soldaten aus Unwissenheit die schwarzen Ruder zerschlagen, von denen sie nach ihrem Einmarsch am 28.März 1945 mehrere Kisten fanden?


Vollständiges Strahlruder einer V2 Rakete
Ein vollständiges Strahlruder der V2-Rakete wie es in der Wehrtechnischen-Studiensammlung in Koblenz zu finden ist.


Als Erstes haben die US- Truppen die vorgefundenen Materialmengen gesichert und dann auf Lastwagen abtransportiert. So sind auch von Hatzfeld aus große Mengen nach Antwerpen transportiert worden, von wo aus diese in die Vereinigten Staaten verschifft wurden. Dieses Schicksal ereilte auch die "V2", die US-Soldaten bei ihrem Vormarsch auf Paderborn am Bromskirchener Bahnhof erbeutet hatten - es waren die ersten vollständigen Raketen dieses Typs.
Eine Lagerbaracke hatte den deutschen Wachmannschaften als Unterkunft gedient. Von ihr ist nur die planierte Grundfläche übrig geblieben. Vierzig Soldaten haben dort mindestens einen Monat zugebracht. Einquartiert waren sie bei Privatleuten in Hatzfeld, der Stab hatte im Rathaus Quartier bezogen.

Luftangriff auf Hatzfeld
Einen Tag vor dem Einmarsch der Amerikaner in Hatzfeld gab es noch einen schweren Jagdbomberangriff von P-38 Lightning der 370. Fighter Group auf die Stadt. Dazu findet sich in der Chronik folgender Eintrag: "23 Maschinen flogen mit Bomben beladen Einsätze im Bereich Kassel / Göttingen, Einsatzdauer 14.00 - 16.00 Uhr" - gemessen nach Greenwicher Zeit.
Die Maschinen waren zum Teil mit 500-Kilo-Bomben beladen. Die hatten eine gewaltige Zerstörungskraft. Dies mussten die Menschen in Hatzfeld schmerzlich erleben. Vier Tote waren zu beklagen, darunter auch ein Angehöriger des Sonderergänzungslagers.


Wartung einer P-38 Lightning
Winter `44/´45. Die Bodencrew einer P-38 bei Wartungsarbeiten. Ursprünglich als Langstreckenbegleitjäger geplant konnte die Lightning als Jagdbomber ihr volles Potenzial zeigen. Bei den deutschen trug die Maschine den Spitznamen "Gabelschwanzteufel", welcher auf ihre Doppelrumpfbauweise zurück zu führen war.


Was bis heute kaum bekannt ist: In jedem amerikanischen Jagdflugzeug befand sich eine Acht-Millimeter-Filmkamera, die Angriffe mit Bordwaffen und Bomben aufzeichnete. Diese Dokumente dienten den Kommandeuren zur Auswertung und gaben gleichzeitig Aufschluss über die Wirksamkeit der eingesetzten Waffen. Außerdem haben Kameraleute des Signal-Korps das vorgefundene Lager gefilmt, wobei die Arbeitsgemeinschaft nach diesen Filmdokumenten noch immer sucht. Viele Zeitdokumente unterliegen einer 70-jährigen Sperrfrist; ob die Filmaufnahmen von "Carmen" darunter fallen, ist nicht bekannt. Für die Zukunft ist aber noch mit interessanten Veröffentlichungen zu rechnen.

Stichwort "AG Luftkrieg"
Schon im Mai 2006 war die Arbeitsgemeinschaft Luftkrieg - Ederbergland auf Hinterlassenschaften der deutschen Raketen-Truppen gestoßen:. Wegen der nach Osten vorrückenden amerikanischen und britischen Truppen hatte die Gruppe Süd der Division "zur Vergeltung" am 17.März 1945 ihre Abschuss-Stellungen für die "V2" im Westerwald aufgegeben und sich in den Burgwald zurückgezogen. Doch die Amerikaner waren zu schnell - bevor neue Stellungen eingerichtet waren, rollten US-Panzer aus Richtung Marburg heran. Die deutschen Soldaten sprengten daraufhin am 28.März ihre Spezialfahrzeuge, die für den Raketenabschuss erforderlich waren.


Feuerleitfahrzeug der V2
Bild eines Feuerleitfahrzeuges wie es beim Einsatz der V2-Raketen Verwendung fand.


Hanomag SS-100 Schlepper mit A-Stoff Tankanhänger
Ein Hanomag SS-100 Schlepper mit einem sogenannten A-Stoff Tankanhänger. A-Stoff war flüssiger Sauerstoff mit welchem die V2 betankt wurde.


Bei ihrer Suche im Wald fanden Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft 1996 noch Metallreste. Weitere Recherchen führten schließlich zum Sonderergänzungslager "Carmen" bei Hatzfeld.
Die Arbeitsgemeinschaft bemüht sich seit Jahren, alle Geschehnisse bezüglich des Luftkrieges zwischen 1939 und 1945 über dem Ederbergland zu erfassen. Die Gruppe will damit "regionale Geschichtsarbeit" leisten. Sie befragt Zeitzeugen und will mit der Suche nach Fundstücken mehr Licht auf diesen Aspekt des Zweiten Weltkriegs werfen.


Siehe auch:  Die V2-Raketen im Burgwald





 

 

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