Aufklärungsflug ohne Rückkehr

Ein Fall von „Friendly Fire“

Von Dietmar Mühlhans 



24. März 1945. Am Boden begann an diesem Samstag auf der westlichen Rheinseite die „Operation Flashpoint“. Dabei handelte es sich um eine Teil-Operation der, unter dem Decknamen Operation Plunder, durchgeführten Überquerung des Rheins durch die Alliierten während des Zweiten Weltkrieges. Sie hatte das Ziel, auf der rechten Rheinseite zwischen Wesel und Walsum einen Brückenkopf zu errichten.


M-19 Panzertransporter mit LVT-4 Buffalo
Britische Truppen führen mittels M-19 Panzertransportern LVT-4 Water Buffalo, schwimmfähige Landungspanzer, an den Rhein. Mit deren Hilfe konnten Jeeps und Infanterie über den Rhein gebracht werden.

 

LVT-4 mit brit. Infanterie setzt über den Rhein
Britische Infanterie überquert mittels eines LVT-4 den Rhein.


C-47 Skytrain beim absetzen von Luftlandetruppen
Auch Luftlandetruppen kamen zum Einsatz. C-47 Skytrain beim absetzen von alliierten Fallschirmjägern östlich des Rheins.


Geleitet wurde die Operation von General William H. Simpson, Oberbefehlshaber der 9. US-Armee. Während die 30th US-Infanteriedivision zwischen Wesel und Mölln angriff, konzentrierte sich die 79th US-Infanteriedivision auf den Abschnitt zwischen Mölln und Walsum. Auf deutscher Seite stand General Alfred Schlemm mit der 1. Fallschirm-Armee.


Von der US Airforce Basis Boxted in England startete um 15:20 Uhr an diesem Tag die Mosquito PR.Mk.XVI mit der Seriennummer NS-711 zu einem Aufklärungsflug über Deutschland. Die Maschine gehörte zur 25th Bomb Group, 653th Bomber Squadron der United States Airforce, welche wiederum der amerikanischen 8. Luftflotte unterstand. Bei diesem Flugzeugtyp handelte es sich um einen unbewaffneten Aufklärer.

 

Boxted-Airfield
Die Luftaufnahme zeigt die Airbase in Boxted im Mai 1946. Von hier starteten Stubblefield und Richmond am 24. März 1945.


Schneller Aufklärer

Die Mosquito war ein, in England von der Firma De Havilland entwickelter und von der RAF (Royal Airforce) eingesetzter, überwiegend in Holzbauweise gefertigter zweimotoriger Bomber. Dieser wurde in den verschiedensten Versionen als Bomber, Jagdbomber, Nachtjäger und Aufklärer gebaut. Stetig verbessert und weiterentwickelt. Einige dieser Flugzeuge wurden auch von der USAAF eingesetzt. So auch die Mosquito NS-711.


D. H. Mosquito PR Mk. XVI
Eine De Havilland Mosquito PR Mk.XVI wie sie die US-Airforce von Boxted aus einsetzte. In der Version als Fotoaufklärer waren diese Maschinen unbewaffnet.


Die Besatzung bestand aus dem Piloten 1st Lieutenant Carrol B. Stubblefield und dem Navigator 1st Lieutenant James B. Richmond. Stubblefield stammte aus Jacksonville im US-Bundesstaat Illinois und Richmond aus Wilburton im US-Bundesstaat Oklahoma. Als sie ihre Maschine bestiegen hat wahrscheinlich keiner von beiden daran gedacht, dass diese Mission für sie ein Flug in den Tod sein würde. Nur 10 Minuten vor ihnen starteten von der US Airforce Basis Watton acht P-51 Mustangs der 479th Fighter Group, 435th Fighter Squadron. Diese hatten Befehl den Jagdschutz für die Mosquito bei ihrem Einsatz zu bilden. Geführt wurden die Mustangs von Lieutenant Wendt.

 

P-51D Mustang
Langstreckenbegleitjäger vom Typ P-51D Mustang. Acht Maschinen dieses Typs bildeten den Begleitschutz für den Aufklärungsflug der Mosquito.


Gegen 16:15 Uhr überflog die Gruppe die belgischen Städte Knocke und Antwerpen. Von hier aus führte ihr Weg weiter nach Aachen, dem Brückenkopf von Remagen, Limberg und Siegen. Von hier aus nahm die Gruppe Kurs Nord/Ost auf Kassel. Während die Mosquito in einer Höhe von 18500 Fuß flog, befanden sich die begleitenden Mustangs in einer leicht überhöhten Position von 19000 Fuß. Dreißig Kilometer westlich von Kassel meldete einer der Mustang Piloten gegen 17:00 Uhr acht Jagdflugzeuge in einer Höhe von 17000 Fuß mit Kurs West über Funk. Hierbei handelte es sich nach der Identifizierung um P-47 Thunderbolts. Die Maschinen gehörten zur 36th Fighter Group, welche zu dieser Zeit in Le Culot (Belgien) stationiert waren. Vier der Thunderbolts erkannten auch die Mustangs, drehten um 270 Grad und schlossen sich der Mustang-Formation an. Zwei weitere Thunderbolts kreuzten unter den Mustangs von links nach rechts durch und setzten sich neben den Verband. Die beiden letzten Thunderbolts blieben auf der linken Seite und hielten etwas Abstand zu der Formation.

 

P-47D Thunderbolt
Eine P-47D Thunderbolt der 36th Fighter Group. Maschinen dieser Einheit schoßen am 24. März 1945 die Mosquito von Lieutenant Stubblefield ab.


Während die Mustangs mehrfach versuchten mit den zurückgebliebenen P-47 über Funk Kontakt aufzunehmen, blieb dieses leider ohne Erfolg. Kurz darauf stieg die Mosquito von 1st Lieutenant Stubblefield auf die Flughöhe der P-51 und kreutzte dabei das Blickfeld der beiden zurück gebliebenen Thunderbolts. Während Stubblefield seinen Kurs Nord/Ost beibehielt, drehten die beiden P-47 hinter der Mosquito ein und setzten sich damit direkt hinter Stubblefields Heck.

Einer der Mustangpiloten hatte das Verhalten der Thunderbolts bemerkt und dieses der Mosquitobesatzung über Funk gemeldet. Beide Piloten dachten zu diesem Zeitpunkt, das die P-47 Piloten die Mosquito als alliiertes Flugzeug erkannt hätten. Als der Gruppenführer Lieutenant Wendt die Situation sah löste er umgehend seine Abwurftanks aus und rief in das Funkgerät: „Ich komme zwischen die P-47“.

Doch plötzlich eröffneten die beiden Thunderbolts das Feuer. Mit einem mal befanden sich Stubblefield und sein Navigator Richmond in einem tödlichen Feuerhagel.

 

Aufmunitionieren einer P-47 Thunderbolt
Waffenwarte beim aufmunitionieren der Flügel MG´s bei einer P-47 Thunderbolt. Die Thunderbolt verfügte über insgesamt acht 12,7mm MG´s. Vier in jeder Tragfläche.

 

Stubblefield rief in den Funk: „Schafft sie mir vom Heck“. Wendt schrie: „Abbrechen!“ Aber die beiden Thunderboltpiloten hörten nichts davon. Lieutenant Wiliam M. Barsky, ebenfalls Pilot einer der Mustangs der 435th Fighter Squadron und in diesem Einsatz dabei, stieß aus der Formation herab auf die beiden Thunderbolts um diese von der Mosquito abzuschneiden. Zu spät, die Mosquito hatte bereits mehrere schwere Treffer im Heck und in den Triebwerken einstecken müssen. Der linke Motor brannte. Aus etwa 750 Meter Entfernung eröffnete Lieutenant Barsky das Feuer auf die P-47, solange bis sie ihren Angriff abbrachen. Das alles half 1st Lieutenant Stubblefield und seinem Navigator nicht mehr. Ihre Maschine brach auseinander und stürzte brennend zu Boden. Die Maschine schlug etwa 8 Kilometer östlich von Brilon im Raum Diemelsee auf. Carrol B. Stubblefield und James B. Richmond überlebten den Absturz nicht.



Flugaufnahme einer Mosquito PR Mk. XVI
Eine D.H. PR Mk. XVI Mosquito im Flug. Gut zu erkennen sind die Stellen auf den Tragflächen wo ursprünglich mal die britischen Hoheitsabzeichen waren.


Nach diesem tragischen Geschehen setzte sich Wiliam Barsky mit seiner Mustang neben die Thunderbolts. Kurz darauf gelang es Ihm endlich mit den Piloten Funkkontakt herzustellen. Die Beiden P-47 hatten einen gelben Ring um die Motorverkleidung und ein gelbes Seitenruder.

Sie hatten die Kennung 7 + UV und M + 70. Barsky teilte ihnen mit das er sie bis zu ihrer Basis in Le Culot begleiten würde um dort seinen schriftlichen Bericht zu den Ereignissen bei ihrem Kommandanten einzureichen.

Um 18:45 Uhr landeten die P-51 Mustangs wieder in Watton. Es ist nachvollziehbar das unter den Piloten an diesem Abend eine wohl sehr gedrückte Stimmung geherrscht haben dürfte.


Air Crew Missing Report
Auszug aus dem Air-Crew Missing Report zum Verlust der Mosquito NS-711.


An dieser Stelle möchte ich mich bei Herrn Jaap Vermeer aus den Niederlanden bedanken. Herr Vermeer brachte mich auf die Spur dieser Geschichte und stellte mir freundlicherweise den ausführlichen Air-Crew Missing Report zur Verfügung.


 

 

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